Körperkontaktblockierung – was ist das?

Alle Menschen haben von Geburt an das Bedürfnis nach körperlicher Nähe und Annahme. Dieses Grundbedürfnis ist eine genetisch festgelegte Eigenschaft. Das Fühlen und Erleben von Geborgenheit ist die Voraussetzung einer gesunden körperlichen und geistigen Entwicklung. Es legt das Fundament für den Aufbau einer positiven Beziehungsfähigkeit und Persönlichkeitsentwicklung.

Kinder, die Geborgenheit erleben und annehmen können, entwickeln ein gesundes und wachsendes Interesse an Mitmenschen und Umwelt. Auch im Erwachsenalter bleibt das Bedürfnis nach Körpernähe weiter erhalten. Erleben von Nähe, Vertrauen und Körperkontakt erzeugt tiefes Wohlbefinden und Freude, die auch nach außen hin sichtbar wird. Ein Mangel an körperlicher Nähe bzw. das Unvermögen, Geborgenheit und Vertrauen durch Körperkontakt ausreichend erleben zu können, führt zu einem emotionalen Mangel bei betroffenen Kindern und Erwachsenen. Darüber hinaus haben neueste Ergebnisse der Lernpsychologie noch einmal die altbekannten Tatsachen belegt, dass Kinder nur lernen, wenn sie eine gute Beziehung zum Lehrenden haben. So findet Spracherwerb, aber auch der Erwerb vieler anderer Fertigkeiten und sozialer Verhaltensweisen nur statt, wenn das Kind eine gute Beziehung, die sich auch im Körperkontakt widerspiegelt, zu Vater und Mutter hat. Ist das Kind ständig im Widerstand, ist es innerlich blockiert und hindert sich selbst daran, Altersentsprechende Lernfortschritte zu machen.

Die Gründe dafür, warum ein Kind einen Mangel an körperlicher Zuwendung erleiden kann, sind vielschichtig. Sie können auf Seiten der Bezugspersonen oder des Kindes oder auf beiden Seiten liegen. Zu betonen ist: Das Problem ist nur selten eine unzureichende Versorgung des Kindes mit elterlicher Zuwendung. Häufig ist das Gegenteil der Fall: Eltern wollen mit ihrem Kind schmusen, aber das Kind nimmt dieses Angebot nur unzureichend an. Häufig hört man solche Eltern sagen: Unser Sohn, unsere Tochter war noch nie ein Schmuser“. Baut ein Kind eine Körperkontaktblockierung auf, wehrt es sich nur vordergründig gegen Nähe. In der Tiefe bleibt der Wunsch nach Körperkontakt uneingeschränkt bestehen, die Blockierung bzw. Abwehr ist also nur oberflächlich bzw. ein vordergründig sichtbares Verhalten, das mit Hilfe der Eltern oder Therapeuten abgelegt werden kann.

Die Unfähigkeit, Körperkontakt aktiv zu suchen und anzunehmen, kann mit tiefem emotionalen Leid einhergehen. Zum Ausdruck kommt dies in Form von unterschiedlichen Verhaltensauffälligkeiten wie ausgeprägten Machtkämpfen in Familie, Schule und Freundeskreis, aggressivem Verhalten, Angststörungen, psychosomatischen Erkrankungen, Störungen der Kontaktaufnahme oder sozialer Unsicherheit. Häufig gehen Aufmerksamkeitsstörungen (ADSIADHS) und besonders der kindliche Autismus mit einer Körperkontaktblockierung einher. Nicht immer findet man solche schwerwiegenden Störungen des Verhaltens, trotzdem ist der Umgang mit einem betroffenen Kind in vielen Bereichen oft schwierig. Kinder, die sich Zuwendung und Freude nicht über eine positive Beziehung und Nähe zu den engsten Bezugspersonen holen können, neigen dazu, vermehrt Aufmerksamkeit in Form von Machtkämpfen zu suchen. Sie gehen oft schon bei geringen Anforderungssituationen in denWiderstand, Hilfen werden nur schwer angenommen. Eltern brauchen viel Kraft und Ausdauer im Alltag, um sich durchzusetzen. Seelische Verletzungen aller Beteiligten sind die Folge.

Wie lässt sich eine Körperkontaktblockierung feststellen?

Betroffene Kinder suchen seltener aktiv den Körperkontakt zu ihren Eltern auf, manchmal von Säuglingsalter an. Viele vermeiden ihn sogar ganz. Sie lassen sich nicht gern auf den Schoß nehmen oder bleiben dort nur sehr kurz ruhig und mit Freude sitzen. Betroffene Babys lassen sich nur schlecht über Körpernähe beruhigen, wenn sie schreien. Viele Kinder werden zunehmend unruhig oder fühlen sich verspannt an, wenn sie von ihren Eltern umarmt werden. Andere hängen teilnahmslos und schlapp da und lassen körperliche Zuwendung nur über sich ergehen, empfinden aber die Wärme und Liebe nicht, die zu ihnen strömt. Egal wie die Reaktionen im Detail aussehen, eins haben alle gemeinsam: Die Eltern spüren die Abwehr ihres Kindes in der Tiefe, oftmals im Vergleich zum Körperkontakt mit einem Geschwisterkind. In schweren Fällen fühlen sie sich abgewiesen und sind verletzt vom ablehnenden Verhalten ihres Kindes. Sie trauen sich nicht mehr, Körpernähe einzufordern bzw. vermeiden diese aus Angst vor weiteren Enttäuschungen. Das hat wiederum zur Folge, dass betroffene Kinder keine positiven Lern-Erfahrungen im Zusammenhang mit Körperkontakt mehr machen und somit die Körperblockierungen immer stärker aufgebaut werden. Diese Abläufe finden wir oft schon im ganz frühen Säuglingsalter.

Das Überwinden der Körperkontaktblockierung birgt große Chancen für das Erleben von Freude und die Intensivierung zwischenmenschlicher Beziehungen. Für Menschen mit autistischen Zügen ist es überhaupt der Weg, um einen positiven Kontakt zu Mitmenschen und Umwelt aufbauen zu können. Wir wissen inzwischen auch, dass nur über eine gute Beziehung für das Kind der Weg frei gemacht wird zu lernen. Nur in einer guten Beziehung kann es seine individuellen Stärken und Fähigkeiten erfahren, an ihnen arbeiten und sie verbessern. Diese subjektiven Erfolge erhöhen seine Motivation und seine Freude zu weiterem Ausprobieren und Lernen.

Zur Überwindung von Körperkontaktblockierungen leite ich Eltern oder Bezugspersonen an, mit ihren Kindern zu kuscheln.  Ausgehend vom Erleben der körperlichen Geborgenheit machen Kinder und Eltern neue Erfahrungen. Das Erlernen und Festigen positiven Erlebens im Körperkontakt erfolgt über die Berücksichtigung der Lerngesetze. Im Aufbau günstiger Verhaltensweisen, die Körperblockierungen lösen können, geschehen genau beobachtbare Lernschritte auf dem Gebiet der positiven Körpererfahrung.

Hauptziel beim Kuscheln ist der Aufbau positiver Beziehungsfähigkeit (im Rahmen der Therapie in der Regel zu seinen Bezugspersonen Eltern, später generalisierend auf andere Personen). Das Kind soll lernen, emotionale und körperliche Nähe anzunehmen und aktiv aufzusuchen. Damit geht eine Verbesserung der Intensität und Qualität sowie der Häufigkeit der Beziehungsaufnahme einher — mit vielen positiven Folgen für die gesamte geistige, seelische und soziale Entwicklung des Kindes, besonders auch auf dem Gebiet des oppositionellen und aggressiven Verhaltens.

Free business joomla templates